Coworking oder Homeoffice? Was passt besser zu dir?

Homeoffice oder Coworking: Was ist denn nun die Lösung für unsere zukünftige Arbeitswelt?

Muss ich mich entscheiden?

Was sind die Vor- und Nachteile und kann man überhaupt Abstand halten an einem Arbeitsort, der auf Gemeinschaft ausgelegt ist, wie ein Coworkingspace?

Zu diesen Themen habe ich einen absoluten Experten gefragt. Ulrich Bähr treibt als geschäftsführender Vorstand der CoWorkland Genossenschaft das Thema Coworking auf dem Land in den letzten Jahren extrem voran.
Moderne Arbeitsräume bekommen in diesem Kontext eine völlig neue Dimension. Ich verfolge diese Entwicklung seit Jahren gebannt mit.

Dieses Interview gibt euch einen Eindruck davon, wie wir Arbeitsräume noch einmal völlig neu denken können.

Viel Spaß beim Lesen des Interviews!


Bitte stelle dich und deine Arbeit kurz vor.

Mein Name ist Ulrich Bähr und ich bin Vorstand der CoWorkLand Genossenschaft.
Dies ist eine Genossenschaft von Betreiberinnen und Betreibern von Coworking Spaces, die alle unabhängig sind und diese Genossenschaft organisieren.

CoWorkLand ist als Projekt der Heinrich Böll Stiftung Schleswig-Holsteins hervorgekommen, wo ich auch im Bereich Digitalisierung und ländliche Räume tätig bin. Daraus ist die Idee „Coworking auf dem Land“ entstanden und dieses Projekt hat einen enormen Wiederhall gefunden.

Inzwischen haben wir diese Genossenschaft gegründet, es gibt 22 geöffnete Spaces und über fünfzig Mitglieder.

Mein Job ist es als geschäftsführender Vorstand, das Thema auf allen Ebenen voranzubringen und in die Zukunft zu führen.

Außerdem dafür zu sorgen, dass sich auch die Rahmenbedingungen positiv verändern, sodass das alles gut funktioniert und gedeiht.

Und was bedeuten in dem Zusammenhang neue und moderne Arbeitsräume für dich?

Erst einmal grundsätzlich: Coworking hat für mich zwei Dimensionen.

Zum einen ist natürlich „Raum“ ein wichtiges Thema.
Die zweite Dimension ist die Gemeinschaft.

Coworkingspaces sind eigentlich Räume für Communities. Für gemeinschaftliches Arbeiten, aber auch für gemeinschaftliches Mit-einander arbeiten. Für gemeinschaftliches erleben, für Austausch, für Inspiration.

Das heißt, das ist ein Raum, in den ich nicht reingehe, wenn ich einfach nur alleine eine Sache erledigen will. Das nutze ich vielleicht mal, wenn ich grad irgendwo in der Stadt bin und keinen anderen Ort habe.

Grundsätzlich kommen eher Menschen in Coworkingspaces, die ein Bedürfnis nach Gemeinsamkeit, nach Community haben. Die Räume drücken dieses Bedürfnis stark aus. Sie sind darauf ausgerichtet, stille Arbeit oder alleine arbeiten mit den Themen Teamwork, sozialer Austausch und Gemeinschaft zu verbinden.

Wenn ich über Arbeitsorte nachdenke, ist sicherlich der allergrößte Unterschied zu herkömmlichen Arbeitsräumen, dass Coworking eben wirklich aus dem Café kommt.

Coworking Räume sollten eine sehr hohe Aufenthaltsqualität bieten. Wenn es gut gemacht ist, möchte man sich dort gern aufhalten, kann gut arbeiten und mit anderen Leuten in leicht in Kontakt treten.

Menschen, die in Coworkingspaces kommen, möchten auch eine spezielle Atmosphäre genießen, die ähnlich einem Café ist. Ich denke, das ist tatsächlich das Neue und in gewisser Weise auch das Moderne daran, insofern als es natürlich durch Techniken unterstützt wird.

Wie siehst du generell den Bedarf an individuellen Lösungen bezüglich Arbeitsräume, zum einen für Selbstständige, aber auch für Arbeitnehmer:innen? Müssen individuelle Raumlösungen her?

Ich glaube, wir stehen vor einer großen Wende der Arbeitswelt.

Wir kommen aus einer Welt, in welcher der Gedanke „ich habe meinen einen Arbeitsort“, sehr präsent und normal war. An diesen Ort gehe ich jeden Tag, dort mache ich meine Arbeit und wenn ich nicht da bin, ist es eine Ausnahme.

Wir kommen jetzt in eine Welt rein, in der es einen sogenannten Modal Split gibt. Der Begriff kommt aus der Mobilität, lässt sich aber auch auf das Thema Arbeitsräume anwenden. Es heißt, dass man für unterschiedliche Zwecke unterschiedliche Dinge nutzen kann.

Also: um eine Reise zu machen, nutzen Menschen (je nachdem was ihre Präferenzen sind und wie viel Geld sie haben) ganz unterschiedliche Fahrzeuge. Und in Zukunft werde ich auch für meine Arbeit, je nach Aufgabe und Tagesform, ganz unterschiedliche Räume nutzen.

Das Bewusstsein darüber, wo ich welche Arbeit mit welchem Aufwand machen kann, wird sich stark steigern.

Einfaches Beispiel: Muss ich für eine Besprechung in Zukunft in die Stadt fahren, um daran teilzunehmen? Das kann in bestimmten Momenten wichtig sein, zum Beispiel, wenn sich ein Team zum ersten mal trifft. In vielen Fällen kann man wahrscheinlich zuhause bleiben und sich über Video treffen.

Auch die Vorlieben bei Coworkingspaces werden sehr unterschiedlich sein.

Für den einen ist es ideal, wenn der Ort eher modern und sachlich eingerichtet ist, andere werden in einem eher cafemäßigen Space besser arbeiten können.

Außerdem wird der Nutzen meiner häuslichen Arbeitsumgebung steigen.

Zu dem Thema passend: wie siehst du das Potential von Homeoffice und Coworking im Zusammenspiel?

Die Annahme, dass in Zukunft alle Homeoffice machen müssen, ist grundfalsch.

Wir werden in Zukunft schauen müssen, wann das Homeoffice, in welcher Lebensphase Sinn macht.

Viele Leute, die jetzt durch Corona im Homeoffice sitzen, sagen, dass es ihnen zu viel wird. Da entsteht vielleicht der Wunsch in einen Coworkingspace zu gehen, aber eben nicht jeden Tag. Man muss nicht jeden Tag antanzen, und Präsenz zeigen.

E-Mails schreiben und Co. macht man vielleicht zu Hause, wenn die Kinder gerade nicht da sind. Anderseits will ich dem zuhause auch mal entkommen.

Ich muss diese Themen vor allem gemeinsam mit meinem Arbeitsteam gestalten.

Man kann sich auch fragen: Muss Arbeit generell am Schreibtisch stattfinden? Oder sich anschauen: welche Arbeitsanteile habe ich in meinem Job und kann ich zum Beispiel auch als Handwerker meine Buchhaltung im Coworkingspace erledigen?

Was sind aktuelle Projekte, die ihr mit CoWorkland umsetzt?

Zur Zeit entwicklen wir unter anderem einen Coworkingspace auf dem Land in Lägerdorf, nördlich von Hamburg auf dem Alsenhof.

Der Alsenhof ist ein sehr großer, unheimlich beeindruckender Modellbauernhof aus den dreißiger Jahren mit einem tollen Gebäude.

Wir entwickeln einen hybriden Arbeitsort an einer Stadt-Land-Schnittstelle. Das heißt, der Ort ist einerseits für Leute, die aus Hamburg kommen und in schöner Umgebung im Grünen mal eine Zeit lang arbeiten wollen.

Anderseits ist es ein Ort für Menschen die im Speckgürtel Hamburgs wohnen und jeden Tag in die Stadt reinpendeln, die durch den Coworkingspace aber nicht mehr reinpendeln müssten.

Außerdem ist er für Selbstständige aus der Region und wird ein Veranstaltungsort.

Das ist ein Ort, an dem es jetzt nicht mehr nur um Coworking geht, sondern auch um Coliving, man kann dort also auch temporär leben.

Es soll ein eigener Markt entstehen, wir werden offene Werkstätten unterhalten, damit die Leute aus der Umgebung an ihren Vergasern schrauben können oder andere Sachen im Repair-Café montieren können. Es geht hier sehr stark um Gemeinwohlorientierung Und wir suchen auch immer noch Leute, die sich selber in Projekte vor Ort einbringen möchten.

Das Thema Coliving läuft zur Zeit bereits an, im zweiten Schritt bereiten wir gerade die ersten Coworkingspaces auf dem Alsenhof vor.

Ein weiteres Projekt wird im Juli 2020 eröffnet. An einem sehr schönen Ort, in Mechow, Schleswig-Holstein (nicht weit von Hamburg oder Lübeck) wird ein Pop Up Coworkingspace entstehen.
In Alleinlage an einem wunderbaren See.

Wir bieten dort ein Corona-sicheres Coworking an, mit Einzelarbeitsplätzen unter offenem Himmel, und Arbeitsplätzen in Coworking Containern. Wir werden Zelte aufbauen, dass man dort auch übernachten kann."

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